Im Frühjahr 1979, an einem sonnigen Vormittag, betrat ich zum ersten Mal Kalksburger Boden. Das Grün, die Weite, die Ruhe – beeindruckend. Im Inneren des riesigen Gebäudes mit seinen langen Gängen ebenfalls Stille – schließlich war ja Unterrichtszeit.

Im Herbst dieses Jahres begann ich dann am Kolleg zu unterrichten. Der Traum jedes Turnlehrers wird dort Wirklichkeit: Turnunterricht im Freien auf den großen und kleinen Sportplätzen, auf der „Buttingerwiese“ – diese war immer benutzbar, musste nicht geschont werden – und hinter dem Haus der Wald. Waldläufe vorbei an den Tennisplätzen, Gymnastik bei den Teichen. Der Schatten der Bäume war an heißen Tagen ein Segen. Oft ruhten wir oben bei der Michaelskapelle und blickten über die Schiwiese hinüber zum Kolleg. Zurück zum Turnsaal entlang des Schiliftes oder entlang der Mauer?

Ehrgeizig und erfolgreich sein

Bald nahm ich im Rahmen der Neigungsgruppe Ballspiele mit meinen Schülern an Meisterschaften und Turnieren teil. Der Schwerpunkt lag auf Faustball – eingeführt von meinem Kollegen Harald Trapl. Spieltermine unter der Woche im Sommer am späten Nachmittag, an Sonntagen vormittags meist im Auer-Welsbachpark; im Winter in Sporthallen am anderen Ende von Wien unter dem Motto „Treffpunkt 7 Uhr, Maurer Hauptplatz“. Wir waren ehrgeizig, erfolgreich und als Wiener Meister jahrelang bei den österreichischen Schulmeisterschaften vertreten. Auch an Handball- und Volleyballturnieren  nahmen wir eifrig teil. Pokale sind heute noch in den Vitrinen im ersten Stock zu sehen.

Tutschek und die Faustballer

Viele dieser Schüler unterrichtete ich auch in Mathematik und/oder Sport, für viele war ich Klassenvorstand oder Präfekt. Die Schüler und bald auch Schülerinnen (ich war Klassenvorstand der ersten gemischten Klasse im Kolleg) in unterschiedlichen Situationen kennen lernen und begleiten zu dürfen, zu ihnen Beziehungen aufzubauen und ständig Feedback über die Unterrichtstätigkeit zu bekommen, waren prägend für mein weiteres Lehrerdasein.

In diesem Umfeld fühlte ich mich wohl, ich hatte von Anfang an meine Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten, durfte Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Zeit und Raum geben

Als Tagesinternatsleiter war es mir von Anfang an ein großes Anliegen, Grundzüge der ignatianischen Pädagogik im Schulalltag zu verankern und spürbar zu machen. Symbolisch waren die Ziele und Anliegen dargestellt in der „Blume“, realisiert werden sollte dies in der täglichen Arbeit mit den uns anvertrauten Schülerinnen und Schülern als Beitrag zu deren Persönlichkeitsentwicklung. Nicht nur das Studium, das kognitive Lernen hatte Platz, auch für soziale und musisch-kreative Erfahrungen sollte Zeit und Raum bleiben, ebenso für sportliche Betätigung. Im schulischen Alltag stößt man hier (heute) sehr schnell an Grenzen, obwohl Schülerinnen und Schüler mehr sein sollten als nur die Summe ihrer Noten.

TI-Blume

Wehmütig blicke ich an die Anfangsjahre zurück, als es noch genügend Zeit zur Stoffvermittlung, zum Üben und zum Fußballspielen gab. Die Sportplätze waren voll, und wir konnten sogar TI-Meisterschaften organisieren.

Interesse und Selbstbewusstsein fördern

„Ich brauche alle sechs bis sieben Jahre eine neue Herausforderung und wechsle die Firma. Wie kannst du es nur 40 Jahre in einer Schule aushalten?“ wurde ich vor einigen Wochen von einem Bekannten gefragt. Da ich sehr viel Zeit in der Schule verbracht hatte, hier mein zweites Zuhause war, kam ich irritiert ins Grübeln. Neugierig bleiben, nicht in Routine erstarren, Neues ausprobieren, im (Mathematik-)Unterricht auf das Interesse der Schüler eingehen, ihnen die Angst zu nehmen, an ihrem Selbstbewusstsein zu arbeiten: das sind die Dinge, auf die es letztlich ankommt.

Für Anregungen meiner Studentinnen und Studenten im Rahmen der Lehrerausbildung war ich stets offen, neue Sichtweisen zu integrieren war spannend. Als bereichernd empfand ich das Kennenlernen verschiedenster Schulkulturen bei Ausbildungen und Lehrgängen – es galt, immer wieder über den Tellerrand zu schauen.

Tutschek und seine erste Klasse

Lehrer bin ich geworden, weil ich mit Kindern und Jugendlichen „arbeiten“ wollte. Danke für die vielen Gespräche, Begegnungen, Rückmeldungen, Erlebnisse! Auch wenn es manchmal bewölkt war und Gewitterwolken aufgezogen sind, war es doch meistens wolkenlos und sonnig. Stimmt das Umfeld, kann man es auch 40 Jahre in einer Schule aushalten.

Zum Autor

Karl Tutschek
OStR Mag. Karl Tutschek

ging im Schuljahr 2018/19 als verdienter Kollege unserer Schule in den Ruhestand.

Er war Leiter des Tagesinternats und Lehrer für Mathematik, Sport und Informatik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.