Im Schuljahr 2018/19 unterbreche ich für ein Jahr meine Arbeit als Lehrer am KK – um selbst wieder in die Schule zu gehen. Am Ende unserer Ausbildung absolvieren wir Jesuiten für etwa ein dreiviertel Jahr eine Phase der Reflexion und Vertiefung, welche „tertia probatio“ („dritte Erprobung“) oder schlicht „Tertiat“ genannt wird. Was in diesem Kurs geschieht, nennen die Grunddokumente der Gesellschaft Jesu die „Schule des Herzens“ (schola affectus), denn es geht darum, eins zu werden mit sich selbst, mit dem Auftrag des Ordens und mit Jesus Christus, der jeden Einzelnen auf diesen Weg berufen hat. Zehn Jesuiten aus aller Welt (China, Kenia, Libanon, Frankreich, Italien, Slowakei, Polen, Belgien und Österreich) machen sich hier für ihr endgültiges Leben im Orden fit und bereit.

Zeit für neue Erfahrungen

Ich empfinde dieses Tertiat hier in Dublin als „ignatianischen Honeymoon“, da es in großzügiger Weise Zeit für Austausch, Gebet, Reflexion, Bewegung, Lesen und für neue Erfahrungen schenkt. In Instruktionen besprechen wir die Grunddokumente des Ordens, mit der Abfassung einer Autobiographie haben wir uns auf das geistliche Zentrum des Tertiats, die 30-tägigen Exerzitien, vorbereitet. Von Februar bis Ostern sind wir auf verschiedene Orte in Europa verstreut, um Praktika zu absolvieren. In meinem Fall geht es nach Spitak, eine Stadt im Norden von Armenien.

Pater Brandl beim Sightseeing in Irland

Da wir alle Priester sind, werden wir auch für Gottesdienste in der Stadt angefragt. Ich feiere gerne Messe in der Kinderklinik Temple Street. Mit liebenswürdiger Geduld ertragen die Dubliner/innen unsere „funny accents“, und ich bin froh, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Kirche spielte bis in die jüngste Vergangenheit eine dominante Rolle auf der grünen Insel. Nahezu alle Primary Schools in Irland sind kirchliche Privatschulen, auch im Sekundärbereich ist die Kirche bedeutende Schulträgerin. Der Staat reguliert zwar, ist aber nicht darauf erpicht, sich die Kosten anzulasten. Multikulturalität, Säkularisierung und nicht zuletzt die (Macht-)Missbrauchsgeschichte der Kirche haben jedoch schon seit Jahren gravierende Veränderungen in der irischen Gesellschaft in Gang gesetzt.

In-Beziehung-Setzen

Von der „Schule des Herzens“ zurück zur Schule in Kalksburg. Je mehr ich mich mit Ignatius von Loyola beschäftige, desto mehr staune ich. Was mich als Lehrer an Ignatius neben seiner Arbeitskraft fasziniert, das ist seine innere Freiheit, die Fähigkeit der Unterscheidung und die Methodik. Diese Fähigkeiten haben als einen und selben Ursprung seine Gottes-Erfahrung. Motto: Wer genau weiß, worin das Ziel besteht, findet auch Wege. Ignatius hat erfahren und bezeugt, dass wir in Entscheidungen den Einklang mit Gottes Willen finden können und dass entsprechendes Handeln nachhaltiger wirkt. Seine Vision ist ein „Mehr an Gott in der Welt“.

Wüstentage 2017

Wer diese Vision umsetzen möchte, muss sein Leben reflektieren, d. h. in einer besonderen Weise „bewusst leben“. Ignatius nennt dies „das Leben ordnen“. Bewusstes Leben braucht regelmäßige Reflexion, ein ruhiges Zurückschauen und ein In-Beziehung-Setzen von Geschehenem und meinem Lebensziel. Das braucht freilich Zeit, die man sich nehmen muss, sowohl täglich als auch in größeren Abständen. Die Frucht ist aber eine Erkenntnis dessen, was zählt, und diese Prioritäten sind das Geheimnis der Freiheit. Ziel ist indes nicht eine rein pragmatische Selbst-Perfektion à la Benjamin Franklin, sondern das erfüllte Leben eines Menschen, der frei und liebevoll ist wie Jesus Christus selbst, weil er ein Ziel hat, das diese Welt übersteigt.

Pater Brandl bei der Schulmesse

Das sind Dinge, die es wirklich wert sind, unter die Leute gebracht zu werden, und daher freue ich mich wieder auf die Schule. Möge diese Vision – dem Namen „Ignatius“ entsprechend – bei vielen Kalksburgerinnen und Kalksburgern „zünden“!

Zum Autor

Pater Brandl grüßt aus Irland

P. Hans Brandl SJ

geboren 1972 in Tirol

unterrichtet seit September 2012 am Gymnasium Kollegium Kalksburg Religion (Zweitfach Musikerziehung) und wirkt als Schulseelsorger.

Er ist der erste Jesuit, der seit den 1990er Jahren wiederum als Lehrer ans Kollegium Kalksburg gesandt worden ist.

Im Schuljahr 2018/19 absolviert er das Tertiat, den Abschluss der ordensüblichen Ausbildung.

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